Eine PISA-Studie

Alles klar! Nächster Artikel ist draussen.

Lang ist´s her dass ich das letzte Mal geschrieben habe. Die Zeit verfliegt und da ich euch weniger mit Einzelheiten langweilen will, gibt’s jetzt in aller Kürze ein Komplettpaket: Da war die „Fiesta da las Flores y las Frutas“, Blumen- und Früchtefest in Ambato, Bilder sind schon oben. Das fällt mit Karneval zusammen, dadurch ist hier dann Fiesta hoch 2. Karnevalsumzüge, Stierkampf (echter Stierkampf mit allem, was man eher weniger gerne ansieht), Ausstellungen, Blumenteppiche, Konzerte, Flatrate-Saufen 😀  Ne Menge los in der Stadt. Dann war das „Mundialito“, das Fußballweltmeisterschäftchen 😀 zwischen allen Salesiano-Projekten die es in Ecuador gibt, 7 an der Zahl. Unsere Mannschaften haben leider kläglich versagt, aber wer mich kennt, weiß, dass es bei mir um Fußball nicht gut bestellt ist. Dann hatte ich noch ein schönes Wochenende mit meiner Familie in Quito, bevor mich mein Vater aus Deutschland besuchen kam.  Wir ham 2 schicke Wochen in Ecuador verbracht, soviel gesehen, wie man es in 2 Wochen nur sehen kann und einige nette Tage mit meiner Familie verbracht. Highlights waren  vor allem unsre Reise ins Oriente, mitten rein in den Dschungel zu Affen, Piranhas und Krokodilen, und in den Süden Ecuadors nach Cuenca und Loja. Bilder sind oben, nicht verpassen! JAA, und was kann dann noch kommen? Geht die Arbeit wieder los, weiterhin volle Wochen und vor allem volle Wochenenden, die ich am Strand, dann auf dem höchstem Berg Ecuadors, dem Chimborazo, dann in Tena (Oriente) und schlussendlich auf einem Freiwilligenseminar in Las Playas, wieder am Strand, verbracht habe. In 4 Wochenenden kam ich vom Höchsten und Kältesten ins Tiefste und Heißeste, was mich jetzt schlussendlich wieder hat krank werden lassen und weshalb ich nun endlich Zeit finde, diesen Report fertig zu stellen.

SO.

Der Titel dieses Berichts heißt ja nicht „Lukas auf Abenteuerreise in Ecuador“, sondern „Die PISA-Studie“, wobei Ecuador allerdings kein Teilnahmeland ist. Ich versuche aber, für Euch etwas Vergleichbares zusammenzustellen. Da es bei meiner Arbeit im Projekt neben der Mädchen-für-alles-Beschäftigung, der Erziehung und der Freizeitbeschäftigung der Kinder zu einem ganz wesentlichen Teil auch um die schulische Ausbildung geht, widme ich diesen nächsten Artikel der „educacion“  in Ecuador und versuche herauszufinden, wie es darum bestellt ist. Besonders wir Freiwilligen sind durch die Hausaufgabenbetreuung und die Schulbesuche relativ dicht am Thema dran. Die folgenden Informationen stammen zum guten Teil aus meinem Erfahrungsschatz, denn es lassen sich kaum (vergleichende) Quellen oder Statistiken zum ecuadorianischen Bildungsniveau finden. Häufig widersprechen sich die Angaben.

Um es gleichmal vorne weg zu sagen: Um die Ausbildung in Ecuador ist es nicht gut bestellt. Alle Ausbildungsniveaus von Grundschule über weiterführende Schule bis zu den Universitäten haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen.

Beginnen wir mit dem Schulsystem. Das Schulsystem gliedert sich in

– Kindergarten und Vorschule                       (Alter: 3-6 Jahre)

– Grundschule  1.-  6.Klasse                           (Alter: 6-12 Jahre)

– Oberschule (Colegio) 7.-12.Klasse              (Alter:12-18 Jahre)

…, wobei die Schulpflicht nach der Grundschule, also etwa mit 12 Jahren, endet. Die hier aufgeführten Abschlussjahre sind jedoch sehr optimistisch und werden generell nicht in dieser Zeit absolviert.

Kindergarten- und Vorschulsystem ähneln denen des deutschen Schulsystems. Sie sind wie auch die Grundschule gratis. Trotzdem sind sie nicht mit Deutschland zu vergleichen. Schon die Kleinsten, die zu uns in die Hausaufgabenbetreuung kommen, sind teilweise total verstört. Sie haben Angst, zuhause geschlagen zu werden, falls sie keine Hausaufgaben machen oder ihre Stifte verlieren. Im Kindergartenalter wohlgemerkt. Die Erzieher halten körperliche Gewalt nach wie vor für keine schlechte Art der Kindererziehung. Wenn ich an meine Kindergartenzeit zurückdenke, dann an Spielen und Basteln und Malen und Singen. Nicht an Geschlagen werden und Hausaufgaben. Den Kindern wird hier keine Kindheit geboten so wie wir sie gewohnt sind.

An den Kindergarten schließt sich die „normale“ Grundschule an, die 6 Jahre dauert. Doch „normal“ ist nicht möglich. Nehmen wir die Schulbücher. Die Schulbücher machen auf mich einen relativ normalen, übersichtlichen, sinnvollen Eindruck. Wenn man dann aber das Mathebuch für die 4. Klasse mit dem Wissensstand eines 4.-Klässlers vergleicht, sind da Welten dazwischen. Die Kinder können schlicht und ergreifend den Stoff nicht, der im Unterricht besprochen wurde. Ihnen fehlt außerdem die Fähigkeit zu selbstständigem Denken.j

Gründe dafür lassen sich zunächst leicht finden. Es gibt hier keine normalen Klassen. Die Klassenstärke liegt bei 30 bis 40 Schülern (einige Quellen sprechen von bis zu 100 Schülern), die Lehrer sind schlecht ausgebildet und schlicht überfordert, den Schülern fehlt der Drang und die Motivation, zu lernen. Nun, jetzt kann man sagen „na, das ist doch in Deutschland nicht anders!“. Eben doch. Die Zustände hier und die Zusammenhänge lassen sich dann doch nicht so leicht in Worte fassen. Da fehlt auf der einen Seite das Geld, um die Lehrer zu bezahlen und mehr Lehrer anzustellen, die Schulgebäude in Ordnung zu halten, Ausstattung zu kaufen. In den Naturwissenschaften, Mathematik und Sprachen sind die Lehrer einfach schlecht ausgebildet. Trotzdem sind die Lehrer, mit denen ich zu tun habe, zum Großteil wirklich engagiert und versuchen die Situation an ihrem Schülchen zu verbessern, Unterstützung vom Staat oder von der Elternschaft ist aber nicht zu erwarten.

Hier setzt der nächste Punkt an: Bildung wird nach meiner Meinung nicht wertgeschätzt, so wie wir das für Deutschland normal finden. Bildung ist Zeitverschwendung, vor allem in den ländlichen Regionen, in denen es genug Arbeit auf den Feldern gibt. Erstklässler können morgens nicht in die Schule oder nachmittags nicht in die Granja kommen, „por que estan cembrando cevollas“, weil sie Zwiebeln pflanzen. Dass Schule hier oft eine Randerscheinung darstellt sieht man auch an den Klassenkonferenzen, wenn zum verabredeten Zeitpunkt erst zwei Elternteile anwesend sind und innerhalb der nächsten 60 Minuten die Hälfe dazukommt. Und selbstverständlich überträgt sich diese Einstellung auch auf die Kinder, die zuhause nicht etwas hören „Bildung ist wichtig“, „Bildung ist der Schlüssel aus der Armut“, „Pass in der Schule gut auf, damit du einen guten Abschluss machst und studieren kannst“. Das hat keine Relevanz. Und genau das merken wir dann, wenn wir mit den Kindern Hausaufgaben machen sollen. Die Kinder haben im Normalfall keine eigene Meinung, kein eigenes Denkvermögen, wenden höchstens angelerntes Auswendiglernen an. Ein gutes Beispiel ist die typische Hausaufgabe „Schreibe einen Text aus der Zeitung ab.“ Irgendeinen Text. Dafür braucht man nicht viel nachdenken, ein eigener Aufsatz oder eine Zusammenfassung wären da schon anspruchsvoller. In Mathematik kommen die Kinder mit Dreisatzaufgaben. Aber anstatt dass ihnen anschaulich erklärt wird, WARUM sie so und so rechnen sollen, erklären mir die Kinder nur: Also, ich muss das hier oben mit dem da unten multiplizieren und dann durch das da teilen. Warum das so ist, das können sie mir nicht erklären. Das wurde ihnen auch nie erklärt.

Nach der Grundschule schließt sich das Colegio an, eine 6-jährige Gesamtschule, deren Abschluss zum Uni-Studium befähigt. Diese Schule ist leider in allen Fällen kostenpflichtig. Das fängt bei 20 Dollar im Monat an und hört wohl bei 250 $ noch nicht auf. Für Familien, die unter der Armutsgrenze leben oder weniger als den berüchtigten einen Dollar am Tag zur Verfügung haben (16% der Bevölkerung, Stand 2007), sind 20 Dollar Schulgebühr unbezahlbar, zumal damit Arbeitskraft verlohren geht! Ergo besucht nur die Hälfte der Jugendlichen die weiterführende Schule, auch hier mit einem starken Stadt-Land-Gefälle. Aus Erfahrung weiß ich, dass selbst sehr teure Privat-Colegios keine qualitativ gute Ausbildung garantieren. Bildung ist Geldsache und damit nicht jedem zugänglich. Ein normales Schulsystem wie wir es gewohnt sind, existiert leider nicht.

Nach dem Colegio ist ein Universitätsstudium an einem der 22 staatlichen oder 30 privaten Unis möglich. Es dauert „por lo general“ 5 Jahre. Allerdings werden hier hohe Studiengebühren in Höhe von 500 bis 2500 $ pro Semester fällig. Auch diese Summe ist für arme Familien nicht aufzubringen. Chancengleichheit wie sie in Deutschland weitestgehend herrscht, gibt es nicht. Wie gut qualifiziert ein Studienabgänger nach seinem Abschluss ist, kann ich nicht beurteilen.

„Das ist nicht ganz normal hier!“ Ihr habt wahrscheinlich schon aufgehorcht, wie häufig ich das Wort „normal“ benutzt habe. Damit möchte ich mir nicht anmaßen, entscheiden zu dürfen, was „normal“ und was „nicht normal“ ist, sondern vielmehr dem ganzen Artikel seine Negativität nehmen (ist mir durchaus bewusst, dass viele negative Themen angesprochen wurden, doch es fällt mir wirklich schwer, von einem optimistischen Standpunkt zu schrieben) und auf eine ganz andere Ignoranz hinweisen: Wir in Deutschland glauben immer noch festlegen zu können, was „normal“ und was „anormal“ sein soll bzw. sehen unseren Standpunkt als normal an. Das neben unserer noch ganz andere Realitäten existieren, ist den wenigsten von uns bewusst.  Ich möchte damit also weniger das ecuadorianische Schulsystem als „ab von der Norm“ darstellen als vielmehr dazu anregen, unsre eigenen Normvorstellungen zu überdenken.

Vor diesem Hintergrund möchte ich noch gerne anmerken, wie ich inzwischen das deutsche Schul- und Studiensystem erst richtig kennen und lieben gelernt habe 😀 Wir können uns glücklich schätzen, solch ein durchgängiges, chancengleiches und gutes Bildungssystem in Deutschland zu haben. Auch Deutschland ist nicht das Gelbe vom Ei, auch in Deutschland gibt es bildungsferne Schichten, fehlende Integration und große Unterschiede im Ausbildungsniveau der Abschlüsse. Aber, das muss einmal gesagt sein, wir kämpfen in Deutschland schon fast mit Luxusproblemen. Mit Luxus haben wir Europäer sowieso so ein Problem, vor allem das, uns nicht darüber bewusst zu sein. Dem muss man sich auf der einen Seite einmal klar werden. Auf der anderen Seite ist Deutschland ein Erfolgsbeispiel für ein hochtechnologieproduzierendes und -exportierendes Land. Softwareproduzenten, Chiphersteller, Photovoltaikzellen-Hersteller, Autoproduzenten oder Chemiekonzerne. Diese Technologien sind ein Produkt langjähriger überdurchschnittlich guter Ausbildung. Und falls wir uns dieses auf unser Land perfekt zugeschnitte Erfolgsmodell  bewahren möchten, an dem unser Wohlstand hängt,  führt kein Weg daran vorbei, unser Schulsystem weiter in den Brennpunkt zu rücken und stetig zu verbessern. Wissen ist der größte Schatz, den wir besitzen.

Das ist wieder ein Monster-Artikel geworden. Es tut mir Leid, ich kann nicht anders. Nächste Folge: „Geschichten von der Straße“

Danke fürs Lesen, ich weiß das sehr zu schätzen.

Auf Bald,

Lukas

Ein Gedanke zu „Eine PISA-Studie

  1. Hallo Lukas
    Bin sehr beeindruckt von deinen klaren Beschreibungen und Analysen von Schule, die nicht wertgeschätzt wird.
    Du hast die zentralen Grundlagen für erfolgreiche Ausbildung haarscharf getroffen.
    Grüße aus dem Land mit den Bildungsluxusproblemen. 🙂

    Der Heinz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s